Wie das Yoga-Wissen zu uns kam

Der Strom des Wissens durch Zeit und Raum. Wie gelangte die Yoga-Philosophie in mein Jahrhundert und nach Österreich?

Die sanfte Eroberung des Westens durch den Osten

Ich habe vor kurzem ein Buch von Stefan Weidner gelesen:
„Yoga oder die sanfte Eroberung des Westens durch den Osten“

Darin wird dargelegt, wie eng die Kulturen von Ost und West miteinander verbunden waren und sind. Und dass sie sich gegenseitig befruchtet haben. Dies ging nicht immer sanft von statten. Eroberungskriege, Kreuzzüge, Missionierungen, …  Am Rande dieser Feldzüge reisten Philosophen und Forscher mit, die die andere Kultur kennenlernen wollten.

Die arabischen Völker als Überbringer der asiatischen Philosophie

Am Beispiel der Yoga-Sutren, die als Gründungsdokument des Yogas gelten, erklärt der Autor Stefan Weidner den Weg des östlichen Wissens in den Westen und wieder zurück nach Indien.

Es beginnt irgendwann zwischen 500 vor und 500 nach unserer Zeitrechnung mit Patanjalis Niederschrift – ein Leitfaden, der zum ersten Mal das indische Wissen der Priesterkaste (Brahmanen) der Allgemeinheit zugänglich macht. Diese Yoga-Sutren werden in Sanskrit verfasst und später ins Persische übertragen.

Im 11. Jahrhundert gelangt Al-Biruni, „einer der größten Wissenschaftler aller Zeiten“, als Kriegsgefangener in die Stad Ghazni im heutigen Afghanistan und übersetzt dort die Sutren ins Arabische. Diese Übersetzung galt für viele Jahrhunderte als verschollen.

Eine Hochkultur breitet sich aus

Die islamische Welt erstreckt sich damals von Andalusien bis an die westliche chinesische Grenze zu den Uiguren. In diesem Raum herrscht ein reger Kultur- und Wissensaustausch, begünstigt durch die einheitliche Sprache, Religion und Weltanschauung. Viele griechische, aber auch indische Schriften werden ins Arabische übersetzt und bleiben so der Nachwelt erhalten.

Indische Philosophie erreicht den Westen

Die britische Kolonialmacht schöpft das kulturelle Erbe Indiens ab und transferiert es. Die alte indische Literatur, darunter auch die Yoga-Sutren in Sanskrit, wird entdeckt und neu bewertet. 1823 werden die Sutren zum ersten Mal in eine europäische Sprache übersetzt. Auf den Universitäten in Europa entsteht die Orientwissenschaft und in Kunst und Kultur wird der Orientalismus zum Trendsetter.

Der Westen ist also auf die alten indischen Schriften aufmerksam geworden und dies ermöglicht Indern wie Vivekananda, einem Yogi und Schüler des berühmten Ramakrishna, darauf zurückzugreifen. Er reist 1893 nach Chicago. Selbstbewusst tritt der Hindu im Namen des „ältesten Mönchsordens der Welt“ auf und hält auf dem Weltparlament der Religionen eine Rede: „Wir glauben an die universelle Toleranz und erkennen alle Religionen der Welt als wahr an.“

Mit Begeisterung wird die indische Philosophie aufgenommen. Die nicht so ferne Gedankenwelt des Gleichmuts und der Seelenruhe sind alte westliche Qualitäten, bekannt aus der eigenen Mystik.

Die Ur-Schrift taucht auf

1912 entdeckt der Katholik und Islamwissenschaftler Massignon durch Zufall in einer Bibliothek in Istanbul die verschollene Übersetzung der Yoga-Sutren von Al-Biruni.

Eigentlich interessiert sich Massignon für die islamische Mystik, den Sufismus, und beschäftigt sich mit einem Codex aus dem 14. Jahrhundert, das verschiedene religiöse Schriften auf Persisch versammelt. Am Rande ist in winziger Schrift ein arabischer Text geschrieben. Es ist die Übersetzung der Yoga-Sutren von Al-Biruni vom Persischen ins Arabische! Eine Sensation, die wunderbar in den damaligen Trend passt.

Alte Quellen erreichen die Neuzeit

Immer mehr alte Yoga-Schriften werden (manchmal über den Umweg des Lateins) in die europäischen Sprachen übersetzt. Seit der Aufklärung beeinflussen diese Texte Philosophen wie Kant, Spinoza, Schopenhauer, Nietzsche, Buber. Schriftsteller wie Hermann Hesse greifen die alten Geschichten Indiens auf.

Ost-West-Ost

Sivananda, ein indischer Arzt, gründet ab 1936 in Indien Yogazentren. Seine Lehre basiert auf dem körperorientierten Hatha Yoga. Schriften wie die Yoga-Sutren untermauern das Übungskonzept. Yogaschulen in Kanada, in den USA und in Europa schießen aus dem Boden. Dieser Erfolg wirkt nach Indien zurück. Die Hindus erkennen, welchen Schatz sie in ihrer Kultur haben und so wird Yoga auch in Indien wieder populär.

Yoga als Lebensweg

Bis zum heutigen Tag praktizieren Millionen von Menschen Yoga. Auch wenn es sich weiterentwickelt hat, bleibt der Kern der Philosophie in Schriften wie den Yoga-Sutren erhalten, die Teil jeder seriösen Yogalehrenden-Ausbildung sind. Die einzelnen Lehrsätze nehme auch ich gerne auf und sie begleiten so manche unserer Yogastunden

atha-yogā-nuśāsanam – jetzt wird Yoga erklärt

yogaś-citta-vṛtti-nirodhaḥ – Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Gedankenwellen

sthira-sukham-āsanam – die Haltung soll fest und bequem sein

Wenn Du das nächste Mal in einer Yogaposition bist, ein Mantra hörst, Deinem Atem lauscht oder meditierst, klingt immer dieses alte Wissen mit, das einen so weiten Weg durch Raum und Zeit genommen hat, um Dich zu erreichen. Ja, diese Energie verbindet Dich mit dem alten Indien.

 

 

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