Mit Yoga das Fliegen lernen
Am Berg unterwegs
Bin ich am Berg unterwegs, öffnen sich Zeit und Raum. Kein Termin steht an, ich muss nirgends ankommen. Am Berg gehe ich, in meinem Tempo und auf dem Weg, der sich gerade anbietet. Ich bündle meine Kräfte, um gut voranzukommen. Blicke ich zurück ins Tal, wird alles leichter und fast meine ich abzuheben.
Der wandernde Geist
In vertrauten Gegenden kann ich mich gut der zeitlichen und räumlichen Unendlichkeit überlassen, denn ich fühle mich sicher. Ich weiß, wie lange die Strecke dauert, wo es eine Hütte gibt und kenne die Gegebenheiten. In diesem Fall kann ich meine Gedanken schweifen lassen und setze automatisch Schritt für Schritt.
Die Bewegung des Körpers bewegt auch den Geist. Es sprudelt nur so aus meinem Kopf hervor. Oft kommen mir Ideen für ein neues Projekt oder Fragen klären sich plötzlich. Deswegen gehe ich auch immer wieder gerne allein oder schweigend mit anderen.
Der fokussierte Geist
Kenne ich den Berg nicht, dann habe ich Essen und Trinken, Schutzkleidung, einen Wanderstock und eine Wanderkarte als Hilfsmittel dabei. Im Falle des Falles kann ich am selben Weg zurückgehen. Da ich ein neugieriger Mensch bin, liebe ich neue Pfade und gehe gerne auf Entdeckungsreise.
Dann heißt es, fokussiert zu sein. Mit Aufmerksamkeit bewege ich mich voran. Die Schritte setze ich mit Konzentration. Das Auge ist wachsam, um keine Wegweiser zu verpassen.
Ich erkunde mithilfe der 5 Sinne die Umgebung: das Zwitschern der Vögel, den Wind im Haar, der Duft der Blumen, die Berührung der Hand, wenn sie durch das hohen Gras gleitet, eine Heidelbeere auf der Zunge, der Blick auf die mächtigen Felsen. Ich bin im Außen, aber mit Konzentration. Mein Geist wird ruhiger und klarer, mein Atem regelmäßiger.
Meditation mit wanderndem oder fokussiertem Geist
Diese zwei Arten geistiger Bewegung kenne ich nur zu gut aus meiner Meditationspraxis. Es gibt Tage, da wandert mein Geist dorthin und dahin. Er zerstreut sich immer wieder in alle Richtungen. Für diesen Fall raten die weisen Meister aus Indien, die Rishis, den Geist zuerst einmal laufen zu lassen.
Wenn die Gedanken ruhiger geworden sind, empfehlen sie ein Konzentrationsobjekt zu wählen. Die Hilfsmittel sind dann eine Tätigkeit, der Atem, ein Bild, ein Klang, eine Körperstelle, ein Satz – was immer du magst. Mittels Wiederholung bündelst du den Geist auf dieses Eine.
Vorhandene Kräfte für den Alltag nutzen
Mit zunehmender Praxis erkennst du, welche Kraft sich aus Deiner Mitte entwickelt, welches Potential in dir schlummert. Im Grunde brauchen wir keine äußere Unterstützung. Wir haben so viele Ressourcen in uns! Wenn wir uns auf eine Sache konzentrieren statt auf tausend Aktivitäten, gelingt uns viel mehr.
Studien belegen, dass uns Multitasking schwächt. Du bist langsamer, machst mehr Fehler und weißt am Ende weder das eine noch das andere. Wenn du aber deine Kräfte kanalisierst wie ein geradlinig schnell fließender Fluss oder sie bündelst wie die Sonnenstrahlen, ist das die beste Voraussetzung für Erfolg. Es ist Konzentration im Alltag abseits der Matte.
Die besonderen Kräfte eines Yogis
„Ein Yogi wird zum Herrn über alle Kräfte in der Natur und kann sie nach seinem Willen nutzen. Er hat völlige Kontrolle über die Elemente. Diese außergewöhnlichen Kräfte nennt man Siddhis.“ (Yoga-Sutren des Patanjali, übersetzt von Yoga Vidya)
Ist das Zauberei? Vielleicht, aber jeder von uns weiß:
- Wenn du dich auf den Menschen vor dir voll konzentrierst, kannst du erspüren, wie es ihm oder ihr gerade geht.
- Wenn du deine Aufmerksamkeit auf eine schmerzende Stelle legst und dorthin atmest, wird Entspannung eintreten.
- Wenn du deine Gedanken auf etwas Schönes lenkst, wird es dir besser gehen, als wenn du immer nur jammerst.
- Wenn du deine Situation von oben betrachtest, ist das Problem schon kleiner oder örtlich und zeitlich entrückt.
- Wenn Dein Herz leicht ist, fühlst Du Dich beschwingt und könntest abheben wie ein Vogel im Wind.
Konzentrationsübungen
Falls Du neugierig geworden bist, hier ein paar Vorschläge, wie du deine Konzentration schulen kannst:
- Buchseiten: Lies zwei oder drei Seiten in einem Buch und dann schließe es. Denke ganz konzentriert über den Inhalt nach. Du kannst assoziieren, einordnen, gruppieren, kombinieren, vergleichen. Auf diese Weise kannst du dich an die Kernaussagen erinnern und bekommst breites Wissen.
- Innere Klänge: sitze in einer bequemen Meditationshaltung. Schließe die Augen und schließe die Ohren durch sanften Druck mit den Daumen oder Watte. Versuche die inneren mystischen Klänge (Anahata) zu hören. Das kann sich wie eine Flöte, Violine, Trommel, das Rauschen des Meeres, das Summen einer Biene anhören. Hörst Du es eher im rechten oder linken Ohr? Bleibe mit der Konzentration in einem Ohr.
- Tratak: Setze Dich vor eine Kerze und blicke in die Flamme. Nach einer Weile schließe die Augen und versuche, die Flamme geistig zu visualisieren. Beginne mit einer halben Minute und steigere allmählich auf 5-10 Minuten.
- Fluss: Setze Dich an das Ufer eines Flusses (oder Meeres) und lausche dem Fließen bzw den Wellen. Höre in dem Rauschen den Klang „OM“.
- Himmel: Lege Dich im Freien auf den Rücken und blicke in den Himmel. Folge der Bewegung der Wolken oder schaue einfach nur nach oben in die Weite. Dein Geist wird ebenfalls weit und dehnt sich aus. Genauso unendlich ist auch Dein Innerstes!
- Tugend: Sitze bequem und konzentriere dich auf eine Tugend, wie zB Mitgefühl. Beobachte, welche Assoziationen, Erinnerungen hochkommen und bleibe solange wie möglich bei dem Thema.
(Quelle: Mit Konzentration und Meditation zur Selbstverwirklichung, Swami Sivananda)
All diese Übungen ermöglichen es dir, in eingefahrenen schwierigen Situationen einen anderen Blickwinkel einzunehmen oder eine Eigenschaft zu stärken, die dir zu Leichtigkeit und Klarheit verhilft.
Gemeinsam Stärken entwickeln
In den kommenden Yogastunden erlernst du verschiedenste Techniken, um besser durch den Alltag zu kommen. So auch die oben erwähnten Konzentrationsübungen.
Yoga und Wandern erweitern unseren Horizont und schulen unsere Wahrnehmung. Bei den Yogaferien und beim monatlichen Wandern in der Yogagruppe können wir diese kräftigenden Erfahrungen mit anderen teilen. Und vielleicht entwickelst auch Du mit der Zeit Siddhis und lernst mit Yoga das Fliegen.




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